Erfahrungsberichte

Ralf P.

Achter Schritt: Wir machten eine Liste ... 

 

Wir machten eine Liste aller Personen, denen wir Schaden zugefügt hatten, und wurden willig, ihn bei allen wieder gut zu machen.

Heute war der achte Schritt unseres Genesungsprogramms zentrales Thema im Meeting. Was will mir dieser Schritt eigentlich sagen? Ich bin doch irgendwann einmal in die Meetings der Anonymen Spieler(GA) gekommen und habe gehört, dass das Gestern vergangen ist, dass ich keine einzige Tat, keine getätigte Aussage, keine Verletzung ungeschehen machen kann. Auch das Morgen habe ich nicht unter meiner Kontrolle, weil das Morgen noch nicht geboren ist. Heute ist der Tag, den du ganz bewusst leben und gestalten kannst. Versuche dich auf das Heute zu konzentrieren. Und jetzt soll ich mich auf einmal mit all dem alten Gram befassen, den ich doch endlich abhaken und vergessen will? Soll all die alten Leichen aus dem Keller holen? Hört das denn nie auf? Immer und immer wieder holt mich diese scheiß Vergangenheit ein. Jetzt saufe und spiele ich nicht mehr, und soll mich immer noch mit dem ganzen Zeug beschäftigen? Genau das ist es. Ich habe manchen Freund in all meinen Jahren in GA erlebt, der an der nicht aufgearbeiteten Vergangenheit gescheitert, und wieder Spielen gegangen ist. Die Vergangenheit lässt mich nämlich solange nicht in Ruhe, bis ich versucht habe, den Schaden, den ich angerichtet habe, soweit es in meiner Macht steht, wieder gut zu machen. Ich muss mich dem Gestern stellen, denn sonst steht sie irgendwann wieder vor meiner Tür: „Die Vergangenheit.“ Dann steht er da, der Freund, den ich um Geld beschissen, und mich nie mehr bei ihm gemeldet habe. Dann steht er da, der Arbeitskollege, der ständig meinen Kram mit aufarbeiten musste, weil mein Spielerhirn gar nicht mehr fähig war, meiner Tätigkeit ordentlich nachzukommen, oder ich oft so besoffen war, dass ich tagelang, zur Last meiner Kollegen, ausgefallen bin. Dann steht er da, der Mensch, den ich aus meiner emotionalen Krankheit heraus zutiefst beleidigt und verletzt habe. Dann steht er da, der Mensch, in dessen Seele ich eine Wunde geschlagen habe, die ohne Wiedergutmachung nie zu heilen beginnen wird.  Dann steht er da, der Chef, dessen Geld ich unterschlagen und verzockt habe. Dann steht sie da, die Verwandtschaft, der ich nicht mehr unter die Augen kommen darf. Dann steht sie da, die Frau, die ich nur belogen, betrogen, beschissen, benutzt, zutiefst verletzt und ausgebeutet habe. Irgendwann steht irgendetwas von all dem wieder vor mir. Dann kommt es zurück, das schlechte Gewissen. Dann kommt sie zurück, die Angst, die mich immer vor allem davonlaufen ließ. Dann kommt er zurück, der Drang zum nächsten Spiel, zum nächsten Schluck. Nein, die Vergangenheit gibt erst Ruhe, wenn ich mich ihr mit der richtigen Verantwortung gestellt habe. Wenn ich den Mut aufgebracht habe, das wieder gut machen zu wollen, was in meinen Möglichkeiten liegt. Ob der andere diese Wiedergutmachung annimmt, oder ablehnt, ist zweitrangig. Ich bin aufgefordert, mich dem Chaos zu stellen, das ich veranstaltet habe. Ich bin aufgefordert, den Frieden mit mir und meiner Vergangenheit zu schließen, sonst werde ich nicht zur Ruhe kommen. Ich habe nach zwanzig Jahren bei einem Freund, den ich tief verletzt habe, Wiedergutmachung geleistet, weil ich nicht zur Ruhe gekommen bin. Immer wieder einmal fiel bei einem Gespräch mit Menschen, die ihn auch kannten, sein Name. Immer wieder erschien sein Gesicht vor meinen Augen. Immer wieder liefen die damaligen Geschehnisse ungewollt, wie in einem Film, in meinem Gedächtnis ab. Der Freund hat einen sehr geläufigen Namen, den es wahrscheinlich mehrere hundertmal in Deutschland gibt. Irgendwann war er aus meinem Umfeld verzogen. Keiner wusste wohin. War ich froh. Jahrelang lebte ich in dem Selbstbetrug, dass ich ihn bei dem Namen ja gar nicht finden kann. Dass ich ja gerne Wiedergutmachung leisten würde, wenn ich doch nur könnte. Wie erbärmlich habe ich mich all die Zeit selbst angelogen. Ich wusste seinen Beruf. Ich wusste, dass er sich irgendwann einmal selbstständig gemacht hatte. 2007 habe ich mir zu Hause Internet eingerichtet. Vorher wollte ich aus Selbstschutz noch nichts davon wissen. Drei Jahre hat es noch gedauert, bis ich mit meinem Wissen über ihn im Internet auf die Suche gegangen bin. Nach 24 Stunden hatte ich ihn gefunden. Ich habe ihm einen langen Brief geschrieben und mich in Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Demut bei ihm entschuldigt. Er hat mich daraufhin angerufen und sich bedankt. Wir haben lange miteinander telefoniert und im Laufe des Gespräches hat er seine Achtung für meinen Mut zu diesem Schritt erwähnt, und dass er mir in Liebe vergibt. Dieser Schritt hat mir meine Selbstachtung zurückgegeben. Er war der Letzte auf meiner Liste gewesen. Alles hat seine Zeit. Auch die Wiedergutmachung. Und wenn sie manchmal zwanzig Jahre dauert. Das sagt mir der achte Schritt.