Erfahrungsberichte

Ralf P.

Der besessene Gerasener, oder der Süchtige im Endstadium

 

So kamen sie in das Gebiet der Gerasener auf der anderen Seite des Sees.  Als er aus dem Boot stieg, rannte ihm ein Besessener entgegen. Er kam von den Grabhöhlen, in denen er hauste, und niemand konnte ihn mehr bändigen, nicht einmal mit Ketten. Schon oft hatte man ihn an Händen und Füßen gefesselt, doch jedes Mal hatte er die Ketten zerrissen und die Fußfesseln zerrieben. Keiner wurde mit ihm fertig. Tag und Nacht war er in den Grabhöhlen oder auf den Bergen, und immer schrie er und schlug sich mit Steinen. Schon von weitem hatte er Jesus erblickt, rannte auf ihn zu, warf sich vor ihm hin  und schrie mit lauter Stimme: »Was willst du von mir, Jesus, Sohn Gottes, du Sohn des Allerhöchsten? Ich beschwöre dich bei Gott, quäle mich nicht!«  Jesus hatte dem bösen Geist nämlich befohlen, den Mann zu verlassen.  Nun fragte er ihn: »Wie heißt du?« - »Ich heiße Legion«, antwortete der, »denn wir sind viele«(Markus 5.1-9). 

 

Genauso wie dieser Gerasener habe ich mich gefühlt. Besessen und gefangen in meiner Sucht, in meinem Elend und in meinem Dreck. In meiner zum Himmel schreienden Schuld und Sünde. Niemand konnte mich mehr bändigen. Alle Stricke, alle Ketten, mit denen die mir noch wohl gesonnenen Menschen versucht hatten mich zu bändigen, habe ich zerrissen. Alle Hilfe, alle Versuche mir mit Vernunft und Verstand zu begegnen sind gescheitert. Keiner mehr wurde mit mir fertig. Keiner, außer einem: Jesus. Das Leben des besessenen Geraseners spiegelt mein suchtkrankes und kaputtes Leben wieder. Vermutlich nicht nur meines. Zum Schluss hin habe auch ich gehaust wie in Grabhöhlen. Von mir selbst ausgestoßen aus der Gesellschaft. Beladen mit Schuld und Scham habe ich mich nicht mehr aus meiner selbst gezimmerten Grabhöhle getraut. Nur noch im Rausch konnte ich mich ertragen. Und mit jedem Rausch fügte ich mir neue Schmerzen und neues Leid hinzu.

 

Wie viele Menschen leiden so Tag für Tag still in ihrer Grabhöhle vor sich hin? Tausende und Abertausende nur in unserem eigenen Land, und Millionen über Millionen auf der ganzen Welt. Wenn wir das Schreien der Menschen in ihren Grabhöhlen auf einmal hören könnten, wenn wir das Schreien der Menschen auf dieser Welt auf einmal hören könnten, würden wir alle zusammenbrechen und darunter sterben. Das gesamte Universum wäre mit diesem Schrei auf einmal gefüllt. Ich bin überzeugt, dass danach auch niemand mehr leben wollte. Aber so ist sie, unsere Welt. Das ist die Realität einer Welt, die von Gott nichts mehr wissen will. Eine Welt, die erfüllt ist vom Schreien von Millionen und Abermillionen von Gerasenern und Gerasenerinnen. Ob suchtkrank, oder nicht; das ist so unwichtig wie sonst was. Es sind all diese verlorenen Seelen die schreien. Der Suchtkranke darf sich sogar noch glücklich schätzen, dass er irgendwann in seinem Leben zusammenbrechen durfte und keine andere Wahl mehr hatte und nur noch das Schreien nach Gott eine Rettung für ihn bergen konnte, wenn er leben und nicht sterben wollte.

Ein Alkoholiker hat einmal einen mich bis heute faszinierenden Satz geprägt, den ich lange Jahre nicht verstanden habe: »Wen Gott liebt, den lässt er Alkoholiker werden.« Da wird der eine oder andere denken, wie kann man Gott nur mit solch einem Elend in Verbindung bringen? Doch dieser Alkoholiker hatte verstanden, dass er durch seinen Alkoholismus die größte Gnade in seinem Leben erfahren hatte. Erst seine abgrundtiefe Erfahrung im Alkoholismus und sein Ankommen am Nullpunkt seines Daseins, hatten ihn zusammenbrechen und für Gottes rettende Botschaft bereit gemacht. Ohne sein absolutes Versagen hätte er nie in seinem Leben kapituliert. Und wenn wir nicht kapitulieren, wenn wir nicht erkennen und uns eingestehen können, dass wir ohne die Sündenvergebung, die uns Jesus Christus durch seinen Kreuzestod ermöglicht hat, weil ER stellvertretend für unser aller Schuld am Kreuz gestorben ist, dann werden wir für Gott verloren sein. Auf immer und ewig. Genau dies hatte der Alkoholiker wohl verstanden, und sein Glaube hat ihn frei machen können. Ja, der Alkoholiker hat in diesem Satz vom »Frei werden« erzählt.

 

Aber wie viele leiden still vor sich hin. Gefesselt mit den Stricken und Ketten ihrer Lebensgeschichten und ihren bitteren Erfahrungen, die sie nicht mehr selbst zerreißen, die sie nicht mehr selbst sprengen können. Gefangen in ihren tiefen inneren Verletzungen, in ihrer zu einem Berg angehäuften Schuld, in den dunklen Schluchten ihres abgrundtiefen Zornes und ihrer selbstzerstörenden, ohnmächtigen Wut. Gebunden und gefangen in Erlebnissen und Erfahrungen, die sich immer wieder anmelden, die uns nie zur Ruhe kommen lassen. Egal, wie gut wir uns auch immer versuchen abzulenken und zu betäuben. Wir können unseren Erfahrungen und unserem Gewissen nicht entfliehen. Und tief in uns wissen wir auch alle, dass wir so wie wir sind, vor Gott nicht bestehen können. Nur einer kann die Glieder unserer Schuldkette sprengen und die Wunden unserer Verletzungen heilen. Nur einer kann all die Schuld von uns nehmen, die wir in unserem Leben auf uns geladen haben und die uns nicht mehr frei und ungezwungen atmen lässt. Nur einer kann uns zum Frieden mit uns selbst und unseren Mitmenschen führen. Darum ist Christus in diese Welt gekommen. Damit wir als Mensch überhaupt eine Chance haben, dem Gericht Gottes zu entgehen. 

 

Der besessene Gerasener ist befreit worden von dieser Legion von bösen Geistern. Von einer Sekunde zur anderen. In eine Schweineherde ist die Legion der Dämonen von denen er besessen war, durch Jesus ausgetrieben, hineingefahren und in den Abgrund gestürzt. Wie groß ist unsere Legion? Wie tief sind die Abgründe in unseren Seelen, die sich auftun? Wie tief sind unsere schwarzen Löcher? Meine waren, und sind enorm. Ich habe immer geglaubt, dass ich doch jetzt ganz in Ordnung bin, so wie ich bin, nachdem ich einmal nüchtern geworden war. Ich bin doch nun ein ehrlicher und anständiger Kerl geworden, bin noch nie im Knast gesessen. Ich führe doch jetzt ein rechtschaffenes Leben. Ich helfe heute anderen Betroffenen und gebe meine in der Selbsthilfe gemachten Erfahrungen weiter. Die anderen sollen sich doch erst einmal ändern. Komisch, dass sich immer nur die anderen ändern sollen. Dass die anderen immer schuld sind. Nie ich selbst. Selbstgerechtigkeit ist noch so ein Anzeichen dafür, dass ich geistig nicht gesund bin. Selbstgerechtigkeit hat mich geistig krank gemacht und krank sein lassen. Es war meine tief empfundene Bitterkeit, die mich über Jahrzehnte hinweg selbstgerecht hat werden und sein lassen. Meine Bitterkeit über das, was andere Menschen mir an körperlichem und seelischem Leid zugefügt haben. Wir alle haben unsere Hintergrundbiografie. Wir alle haben unsere vielen, vielen Hintergründe, warum wir so sind, wie wir sind. Keiner ist umsonst so, so wie er ist. Keiner. So hart, so stur, so uneinsichtig, so nachtragend, und doch so menschlich, so zart und so verletzlich. Doch wenn ich mich als Richter über andere setze, dann will ich ich nicht von dem Baum des Lebens, sondern von dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse essen(1. Mose 1.29). Doch die Nahrung vom Baum der Erkenntnis, hat mich weiter im Geiste betrunken sein lassen. Im Geiste krank sein lassen. Trocken besoffen ist bei genesenden Alkoholikern der gängige Ausdruck dafür. Es steht mir nicht zu, bei meinem eigenen »Mount Everest« von aufgetürmter Schuld, mich über andere zum Richter erheben zu wollen, denn einer wird am Ende über mich Gericht halten: Jesus Christus selbst. Das kann ich jetzt glauben, oder nicht. Die Bibel sagt es mir. Und die Bibel ist wahr. Diese Erfahrung wird auch jeder einmal selbst machen.

 

Was sagt mir die Geschichte rund um den besessenen Gerasener weiter, nachdem die Legion Dämonen auf Jesu Befehl hin in die Schweineherde gefahren und in den Abgrund gerast war?

 

Die Schweinehirten liefen davon und erzählten in der Stadt und auf den Dörfern alles, was geschehen war. Die Leute wollten das mit eigenen Augen sehen und machten sich gleich auf den Weg. Als sie zu Jesus kamen, sahen sie den, der bisher von einer Legion böser Geister besessen gewesen war, bekleidet und vernünftig bei ihm sitzen. Da bekamen sie es mit der Angst zu tun. Und nachdem ihnen Augenzeugen berichtet hatten, was mit dem Besessenen und den Schweinen passiert war, baten sie Jesus, ihr Gebiet zu verlassen(Markus 5.14-17).

 

Wie oft habe ich diese Geschichte gelesen und habe doch so vieles einfach überlesen. Darum ist die Bibel das mit Abstand spannendste Buch, das ich je gelesen habe, weil mir in ihren geschichtlichen und prophetischen Erzählungen, die tiefe Weisheit und unfassbare Größe Gottes begegnet.

 

Als nun die Schweinehirten mit den Leuten aus der Stadt und den umliegenden Dörfern wieder zurückkamen, da waren diese zuerst einmal wütend und erbost über Jesus, denn die Schweine waren mit Sicherheit ihre Haupteinnahmequelle, und die war nun durch dessen Heilung an dem Besessenen in den Abgrund gestürzt und vernichtet. Deshalb baten sie Jesus auch zu gehen. Verständlich. Doch sie sahen auch den, der bis vor kurzem noch von einer Legion böser Geister besessen war, bekleidet und vernünftig bei Jesus sitzen. Einer der vorher mit Stricken und Ketten nicht zu bändigen gewesen war, der sich immer und immer wieder selbst mit Steinen verletzt hat. Und dieser saß nun gewaschen, gekleidet und friedlich wie ein Lamm zu Füßen Jesu. Ich kann mir vorstellen, wie dieser Mann wohl gehaust haben mag, in seinem Dreck und Schmutz. In seinem Elend. In seiner dunklen, nach Schweiß und Fäkalien stinkenden Grabhöhle. Allein und verlassen. Verachtet, verspottet, geknechtet, gedemütigt, aber auch gefürchtet. Ein Alkoholiker im Endstadium. Oh ja, ich kann ihn mir richtig vorstellen. Vermutlich hatte er, wenn überhaupt, nur noch ein paar zerrissene dreckige Lumpen am Leib. Und dann kommt ER, Christus, der Messias, der Gesalbte, der Retter der Welt und fegt sie von einem Augenblick zum anderen hinweg, die Dämonen, die diesen Mann sein ganzes Leben lang beherrscht und erniedrigt hatten. Von einer Sekunde zur anderen. Das ist der Christus, den wir nicht ertragen können, weil wir uns vor ihm so klein und so unvollkommen, so unwichtig vorkommen in unserer ach so großen Wichtigkeit. Und nun sitzt dieser Mensch sauber und adrett gekleidet zu Füßen Jesu. Das ist die Botschaft, die uns Gott zu sagen hat. Das ist die Botschaft Jesu Christi und des gesamten  Evangeliums. Das ist die Botschaft vom »Heil werden«. Das ist die Botschaft vom Kreuz: »Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken ( Matth. 11.28). Ich will euch befreien aus euern Fesseln, aus euren Ketten. Ja, das ist die Botschaft des Evangeliums. Evangelium heißt übersetzt: »Die gute Nachricht. Die frohe Botschaft«. Ja, das ist Gottes Angebot an uns. Wir können es annehmen, oder verwerfen. Es wird kein neues Angebot mehr geben. Jesus Christus war und ist Gottes letztes Liebesangebot an uns. Wie lange habe ich, wie lange wollte ich es nicht verstehen. Nicht wahrhaben. 

Um es zu verstehen, musste ich zuerst erkennen, dass ich im Geiste krank bin, dass ich im Geiste arm bin, und dass es einen gibt, der auch mich in seinem für die Welt vergossenen Blut reinwaschen und von aller vor Gott angehäuften Schuld befreien will. Christus will mich hinführen, zu Gott und zur geistigen Gesundung, zur geistigen Erkenntnis, zum ewigen Leben und nicht zum ewigen Tod.

 

 »Selig sind die geistlich Armen; denn ihrer ist das Himmelreich!«(Matth. 5.3). Ja, selig sind die, die erkannt haben, dass sie ohne Christus "Nichts" sind. Die sich in ihrem Hunger und Durst, in ihrer Sehnsucht nach Liebe und Gerechtigkeit, nicht auf sich selbst und die Menschen verlassen, sondern sich der Gnade und Barmherzigkeit des lebendigen Gottes anvertrauen.

 

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