Erfahrungsberichte

Ralf P.

Fünfte Tradition - Die Botschaft weitergeben

 

"Die Hauptaufgabe jeder Gruppe Anonymer Spieler ist es, unsere Botschaft zu süchtigen Spielern zu bringen, die noch leiden." 

 

Obwohl sich Lebensweg, Richtung und Lebensinhalt bei jedem von uns gewiss unterscheiden, sollten wir stets in Erinnerung behalten, dass wir in der von der  Gemeinschaft der Anonymen Spieler verbürgten Verantwortung stehen, die Botschaft der Hoffnung zu süchtigen Spielern zu bringen, die noch leiden.

 

Ein süchtiger Spieler, der noch leidet, mag neben uns im Meeting sitzen, oder noch draußen herumlaufen, ohne überhaupt jemals von den Anonymen Spielern gehört zu haben. Wenn es etwas gibt, das die Anonymen Spieler in aller Einigkeit verbindet, so ist es ihre Aufgabe, süchtige Spieler, die noch leiden, zu erreichen. Der Fortbestand und das Wachstum der Gemeinschaft hängen im Wesentlichen davon ab, ob dieser Grundsatz befolgt wird.

 

Anonyme Spieler haben sich diese Hauptaufgabe gestellt, um innerhalb und außerhalb der Gemeinschaft ihre Bemühungen, die Botschaft an süchtige Spieler weiterzugeben, beständig und möglichst wirksam zu entfalten. Das Geschenk der Genesung trägt am meisten Früchte, wenn wir es mit anderen teilen.


Auszug aus der GA-Literatur:  "Ich bin verantwortlich - Lebenswege Anonymer Spieler"                           

GA-Literaturbestellschein Nr. 107

 

1995 besuchte ich mein erstes GA-Meeting. Besser gesagt, Freunde aus einer benachbarten Gruppe brachten dieses Meeting und die GA-Botschaft zu mir und den Freunden aus meiner Gruppe. Das ist über 20 Jahre her. Einige Details sind mir von diesem ersten Kontakt mit Freunden aus der GA-Gemeinschaft noch so deutlich in Erinnerung geblieben, als wenn dieses Meeting erst gestern Abend stattgefunden hätte, nämlich: die deutlich spürbare Lebensfreude, die Mut machende Hoffnung, und die Ruhe und Gelassenheit, mit der die beiden Freunde bei uns im Gruppenraum saßen. Zuerst lächelte ich nur über sie, weil sie sich ständig mit ihrem Namen vorstellten, als sie anfingen zu reden. Und auch das Zuhören fiel mir anfangs mächtig schwer, sträubte ich mich zudem von Natur aus gegen alles und jenes; vor allem, wenn man versuchte, mir irgendetwas überzustülpen.

Doch was diese beiden Freunde ausstrahlten und transportierten, war mehr als nur hohles Geschwätz, mehr als nur das Reden über Spielfreiheit, mehr als das Gefühl, nur zwei Menschen gegenüberzusitzen, die schon einige Jahre trocken waren, was ich von mir nicht behaupten konnte. Ich wusste nicht was es war, aber es war etwas Gutes, Friedvolles, etwas Demütiges, Liebevolles, etwas, das ich lange Zeit nicht - vielleicht noch nie - spüren durfte, was damals mich und unseren Gruppenraum erfüllte. Und es hatte etwas mit der Botschaft zu tun, die sie uns so zwanglos übermittelten. Die Botschaft von Genesung, von Gemeinschaft, von Einigkeit, vom Dienst am Nächsten, vom Dienst für die, die noch leiden, - für mich. Sie waren wegen mir da. Ja, sie waren auch wegen mir da. Sie opferten ihre Zeit, um mir die Botschaft zu übermitteln, die mein Leben verändern sollte, die mein Leben gerettet hat.

 

Wie gesagt, das ist nun schon einige Zeit her. Die beiden Freunde sind trocken geblieben, - und ich auch. Die Freunde, die mich kennen, wissen, dass ich gerne erwähne, dass ich nur durch die Gnade Gottes hier und heute spielfrei und nüchtern bin. Es war nicht mein Verdienst, dass die beiden Freunde an diesem Abend in unserem Meeting anwesend waren. Es war nicht mein Verdienst, dass sie sich verantwortlich fühlten, uns von dem zu erzählen, was ihnen geholfen hatte, um ihre Spielsucht zum Stillstand zu bringen. Es war nicht mein Verdienst, sondern es war ein Geschenk. Ein Geschenk der Gnade.

Wenn ich das jemals vergessen sollte, dann habe ich von GA nichts verstanden.

 

Darum ist es mir heute, genauso wie den beiden Freunden damals, wichtig, Dienste in der Gruppe und für die Gemeinschaft zu übernehmen. Denn wenn ich nicht mehr bereit bin, die Botschaft weiterzutragen, dann wird sie irgendwann in mir erkalten und sterben. Bill W., der Mitbegründer der Anonymen Alkoholiker AA, hat das mit wunderbaren Worten formuliert: „Wir müssen die Botschaft weitergeben, sonst welken wir dahin. Und die, denen wir sie nicht gebracht haben, sterben“(Auszug aus der Originalliteratur der Anonymen Alkoholiker AA).

 

Ja, so habe auch ich mit meiner Genesung ein gewisses Maß an Verantwortung mit übertragen bekommen. Dieses Maß an Verantwortung muss ich für mich selbst definieren und in mein Leben einordnen. Ich habe in all den Jahren meiner Zugehörigkeit zu GA schon einige Dienste in der Gemeinschaft begleitet. Zugegeben, ich habe dabei nicht die Welt verändert, aber ich habe meinen Teil dazu beigetragen, dass die Gemeinschaft weiter besteht, dass seither regelmäßig in meiner Heimatstadt ein GA-Meeting stattfindet, dass die Botschaft von uns aus in andere Städte und zu anderen Spielern getragen wurde. Und ich habe in all diesen Jahren nicht mehr diesen unwiderstehlichen Drang verspürt, dass ich „Spielen gehen muss“. Heute weiß ich, dass es für meine Genesung von zentraler Wichtigkeit war, und ist, dass ich etwas Positives, etwas Wertvolles auf meiner Lebensspur hinterlassen habe, seit ich das erste Mal die GA-Botschaft gehört habe. Bill hätte es nicht besser für mein Leben ausdrücken können: „Hätten die Freunde mir damals nicht die Botschaft gebracht, dann wäre ich gestorben.“  

 

Darum ist es mir wichtig geworden, meine Erfahrungen, die ich auf meinem langen Weg der Genesung gesammelt habe, niederzuschreiben und sie mit anderen süchtigen Spielern zu teilen, denn unser aller Genesung beruht von Anfang an, seit es die Anonymen Spieler(GA) gibt, auf dieser „Bereitschaft zum Teilen“ unserer Erfahrung, Kraft und Hoffnung. Wenn diese Quelle zu versiegen droht, dann werden nicht nur wir selbst, sondern dann wird auch die Gemeinschaft der Anonymen Spieler(GA) zwangsläufig vertrocknen und verwelken.

 

Gute 24 Stunden,

Ralf

 

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