Erfahrungsberichte

Ralf P.

Gefährliches Fahrwasser

 

„Ich stand an der Schwelle von Gefängnis, Wahnsinn und Tod.“ Diese Schwelle ist für mich nicht einfach so aus meinem Leben verschwunden, nachdem ich einmal mein letztes Spiel gemacht habe. Wie ich ja schon geschrieben habe, war mein Spielen lediglich ein Symptom meiner Krankheit. Nein, diese Schwelle, oder Grenze, ist für mich nicht fest gesteckt. Und gerade weil sie so schwimmend, so fließend ist, ist sie so gefährlich für mich.

 

Darum erkenne ich sie meist sehr spät. Wenn ich nicht achtsam mit mir selbst, meinem Umfeld und meinen Mitmenschen umgehe, dann kann es geschehen, dass sich wieder aus meiner Trägheit und Bequemlichkeit heraus, unmerklich alte Verhaltensweisen bei mir einschleichen, die mich in ein sehr gefährliches Fahrwasser lotsen können. Wenn ich mich wieder von negativen Emotionen treiben lasse und ihnen freien Lauf gewähre, komme ich in Gefahr, mich dieser Schwelle wieder zu nähern. Wenn Stillstand in meiner Genesung schon ein halber Rückfall für mich darstellt, was bedeutet es dann für mich als suchtkranker Spieler, wenn ich mich wieder von diesen alten Geistern einnehmen lasse? Richtig, es bedeutet höchste Gefahr. Lebensgefahr! Ich bin nun mal anders, als die anderen. Das muss mir immer bewusst bleiben, auch wenn sich mein Leben nach all den vielen Jahren Trockenheit, doch oft so ganz normal anfühlt. Ich trage eine tödliche Krankheit in mir, die jederzeit wieder ausbrechen kann, wenn ich nicht wachsam bleibe und mir die richtige Behandlung für mein Krankheitsbild zukommen lasse. Wenn ich die Achtsamkeit für mich verliere, manövriere ich mich auch schon wieder unmerklich in die gefährliche Nähe von Gefängnissen, Wahnsinn und Tod. Denn mir muss bewusst sein, dass mein nächster Rückfall auch mein letzter sein kann. Wie oft habe ich mich durch meine Arroganz, meine Überheblichkeit, durch meinen krankhaften Stolz, wieder in einen Zustand von völliger Unachtsamkeit leiten lassen.

 

Erst kürzlich musste ich mich wieder aus einem Gefühlsbad von falscher Eitelkeit und verletztem Stolz von einem GA-Freund abholen lassen. Von einem Augenblick zum anderen fühlte ich mich durch einen einzigen Umstand so tief verletzt, dass sich sofort diese alten, mich lähmenden und blockierenden Gefühle in mir breit machten. Und daran merke ich, dass ich mich nach wie vor mit meinem emotionalen Krankheitsbild auseinandersetzen muss. Dass ich durch meine Suchtbiografie anders als die anderen bin. Oder auch nicht. Wie auch immer. Vielleicht gehöre ich auch zu den ganz Normalen, weil mir dies heute auffällt und bewusst wird. Wahrscheinlich haben aber andere von Anfang an gelernt, mit diesen Gefühlen anders und besser umzugehen, sie einfach schon in ihrer Entstehung richtig einzuordnen. Ich habe sehr spät damit begonnen. Aber nicht zu spät. Heute kann ich sie, nach einer kurzen Zeit des Schmollens und dem Zulassen meiner Wut und meines Zornes, sie als das einordnen und sehen, was sie sind: „Wichtige Informationen an mich.“ Wichtige Informationen auf meinem Weg der Veränderung und Genesung. Daran erkenne ich dann auch, dass ich einige riesige Schritte auf meinem Weg der Genesung schon gemacht habe. Dass Fortschritte deutlich erkennbar sind. Früher haben mich solche Gefühle über Tage und Wochen in allem anderen blockiert. Haben mich meine Rachegedanken schüren und die dazugehörigen Rechtfertigungen gleich mitsuchen lassen. Heute spreche ich mit einem GA-Freund, der mir zuhört, mich in meiner momentanen Verfassung auffängt, mich von dort abholt und wieder auf meinen Weg führt. Dann geht es mir wieder besser. Dann weiß ich wieder, was wirklich zählt. Dann weiß ich wieder, auf was es ankommt.

 

Gestern habe ich nach dem Meeting einen alten GA-Freund umarmt. Dabei durfte ich für einen kurzen Augenblick daran denken, dass sich in diesem Moment annähernd 40 Jahre GA-Trockenheit umarmt haben. Welche Gnade. Von Gott am Vorhof der Hölle abgeholt und in Gnade auf den Weg der Genesung geführt. Das ist das, was wirklich zählt. Und dafür lohnt es sich weiter zu machen. Stunde um Stunde. Tag für Tag. Weiter zu machen im Programm der Genesung. Weiter in den Schritten zu arbeiten. Einfach dranbleiben. Immer für 24 Stunden. Immer einen Tag zur Zeit. Auf dem Jakobsweg befinden sich auf den letzten 150 km vor Santiago de Compostela alle 500 Meter Kilometersteine am Wegesrand. Sie geben dem müden und gesundheitlich oft angeschlagenen Pilger nicht nur Orientierung über die Strecke, die er noch zu laufen hat, sondern vor allem neuen Mut, neue Kraft und neue Hoffnung, dass das Ziel nun in erreichbarer Nähe liegt. Dass all die Mühe, all der Schweiß, und all der Schmerz, der in sämtlichen Muskeln, Sehnen und Gelenken sitzt, sich gelohnt hat. Dass es sich lohnt, immer weiter zu gehen und wenn es oft mit großer Mühe verbunden ist. Für mich sind die Meetings der Anonymen Spieler(GA) Meilensteine am Rand meines Weges. Meilensteine auf meinem Jakobsweg der Genesung.