Leseprobe: Zwölf Schritte zu einem spielfreien Leben

..., dass wir dem Spielen gegenüber machtlos sind ...

 

Mir selbst wirklich zuzugeben, dass ich machtlos geworden bin, dass ich das Spielen nicht mehr unter meiner Kontrolle habe, fällt vielen von uns anfangs sehr schwer. Auch der Tragweite, die dieses Eingeständnis mit sich bringt, muss ich mir erst richtig bewusst werden. Es gibt in meinem Leben etwas, dass ich nicht mehr imstande bin zu steuern. Niemals mehr. Einmal angefangen, folgt unausweichlich der Kontrollverlust. Immer und immer wieder. Unaufhaltsam rase ich auf eine unsichtbare Wand zu, versuche umzusteuern, noch auszuweichen, doch all meine verzweifelten Versuche scheitern. Ich versage vollkommen. Ich kann den Aufprall nicht mehr aufhalten. Ich weiß nicht wann, aber ich weiß mit Bestimmtheit, dass ich mit einem großen Knall aufschlagen werde. Das Eingeständnis meiner Machtlosigkeit muss absolut sein, und auf festen Füßen stehen, sonst habe ich keine Chance. Sonst werde ich zwangsläufig rückfällig.

 

Im 2. Teil des ersten Schrittes gestehe ich mir also ganz bewusst ein, dass ich dem Spielen gegenüber nicht nur machtlos war, sondern auch bin, und bleibe. Wir sind machtlos. Ich bin machtlos. Hier finde ich die Bestätigung, dass es für mich, der ich diese unsichtbare Grenze zum unkontrollierbar gewordenen Spielen hin überschritten habe, auch keinen Weg mehr gibt, jemals wieder das Spielen gemäßigt konsumieren zu können. Bin ich einmal jenseits dieser Grenze gewesen, gibt es kein Zurück mehr. Deswegen steht dieser 2. Teil des 1. Schrittes auch in der Gegenwartsform. Ich bin, und bleibe, dem Spielen gegenüber machtlos. Kurzum heißt das: „Der süchtige Spieler kann niemals mehr kontrolliert spielen“ und, „das eigentliche Merkmal der Krankheit Spielsucht ist der bleibende Kontrollverlust.

Ja, Spielsucht ist eine Krankheit, eine fortschreitende Krankheit, nicht nur einfach so eine Charakterschwäche. Spielsucht ist eine Krankheit, die im klassischen Sinne auch nicht geheilt, aber zum dauerhaften Stillstand gebracht werden kann.

 

... und unser Leben nicht mehr meistern konnten.

 

Wir sind wieder in der Vergangenheitsform angekommen. Und als Ergebnis des vorbehaltlosen Eingestehens meiner Machtlosigkeit dem Spielen gegenüber, greift spätestens an diesem Punkt auch die persönliche Erkenntnis, dass ich nicht mehr dazu in der Lage gewesen war, mein Leben zu meistern.

Dann hat in der Regel schon ein Kredit den anderen bis zur finanziellen Ausreizung, bis zum absoluten Limit abgelöst. Dann hat sich meine finanzielle Lage bereits so dramatisch zugespitzt, dass sich der Großteil meines täglichen Ablaufs nur noch auf die Geldbeschaffung bezieht. Um Löcher zu stopfen, wo an anderer Stelle gleichzeitig ständig Neue entstehen. Weil ich immer weiterspiele. Weil ich das Spielfieber, den Spieldruck,  den unabwendbaren Zwang und Drang nach dem nächsten Spiel, nach dem nächsten Einsatz, nach dem nächsten Gewinn, nicht mehr steuern und stoppen kann.

Dann bin ich vielleicht auch schon, verzweifelt und nach Hilfe suchend, durch Praxistüren von Ärzten, in Psychiatrischen Kliniken, in Therapieeinrichtungen, durch Gefängnistore, ein- und ausgegangen. Und ich spiele weiter und weiter. Weil ich immer noch nicht kapituliert habe. Weil ich immer noch daran glaube, ja, ich immer noch davon überzeugt bin, alleine mit meinem Willen, mein Leben wieder in das richtige Fahrwasser zu bekommen.

Dann habe ich auch vielleicht schon meinen Arbeitsplatz verloren; hat meine Frau mich mit den Kindern bereits verlassen, oder mich aus der gemeinsamen Wohnung geworfen. Dann stehe auf einmal alleine und völlig mittellos auf der Straße. Und ich spiele weiter und weiter.

Spätestens hier angekommen, sind die meisten von uns bereit dazu aufzugeben, und zuzugeben, dass wir alleine auf unsere Willenskraft gestellt, vollkommen versagt haben.

Nun bin ich hoffentlich soweit und bereit dazu, mir offen einzugestehen, dass ich auch mein gesamtes Leben nicht mehr meistern kann. Dass ich alleine aus all meinen Schwierigkeiten nicht mehr herauskomme. Mein gesamtes Leben ist mir völlig entgleitet. 


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