Erfahrungsberichte

Ralf P.  

Loslassen

 

„Wenn ich neue Wege gehen will, dann muss ich einige Dinge loslassen können.“ Dies war wieder einmal einer dieser Kernsätze, welchen ich vom heutigen Meeting für mich mitgenommen habe.

 

In den Meetings der Anonymen Spieler(GA) höre ich oft solche Kernsätze, die für mich ganz entscheidende Botschaften enthalten. Das Gehen neuer Wege, das Losgehen, beinhaltet meistens auch ein Loslassen von gewissen Strukturen, in denen wir uns festgefahren haben. Manchmal müssen wir diese Strukturen, die uns gefangen halten, die uns nicht atmen lassen, zertrümmern. Müssen wir ausbrechen aus diesem Gefängnis, in das wir uns selbst eingeliefert haben. Und Loslassen können, bedeutet dann auch Befreiung zu erfahren. Aus der Gefangenschaft auszubrechen, um das Leben, um die Freiheit zu entdecken.

 

Ich bin 2010 den Jakobsweg gelaufen. 805 km, von Saint-Jean-Pied-de-Port nach Santiago de Compostela. Alles was ich dabei hatte, war in einem Rucksack untergebracht, den ich auf meinem Rücken tragen konnte. Ich musste alles, was mir zu Hause lieb und teuer geworden war, und was mir vor allem einen gewissen Komfort bot, zurücklassen. Wenn dieses Loslassen auch nur auf Zeit war, so habe ich in diesen sechs Wochen gerade dadurch die wohl tiefgehendsten Erfahrungen meines Lebens gemacht. Was brauche ich denn wirklich? Was tut mir nicht gut und schadet mir nur? Was macht mich am Ende krank? Was kann ich ändern? Was will ich ändern? Was muss ich ändern? Was muss ich loslassen? Ich bin im Heiligen Jahr gelaufen. Im Heiligen Jahr sind fast doppelt so viele Pilger unterwegs wie in den anderen Jahren. An keinem Tag wusste ich, ob ich in den Herbergen noch einen Schlafplatz bekomme. Oft habe ich auch wirklich kein Bett mehr bekommen. Aber ich hatte immer ein Dach über meinem Kopf. Und wenn wir nur im Vorraum, oder im unfunktionierten Aufenthaltsraum nebeneinander auf Matratzen oder unseren Isomatten auf dem Boden lagen. Ja, immer hatte ich ein Dach über meinem Kopf. Nie hat man mich vor der Türe stehen lassen. Immer waren die Hospitaleros und Betreuer in den Herbergen darum bemüht, uns alle unterzubringen, und wenn es noch so eng war. Ich habe auf diesem Weg gelernt, dass ich dem Leben und den Menschen vertrauen darf. Dass das Leben mich nicht nur betrügen will, wie es der Alkohol und die Spielsucht getan haben. Dass Gott für mich sorgt. Dass ich Ihm vertrauen darf. Dass ich meine ganzen Ängste, Zweifel und angeblichen Sicherheiten ruhig loslassen kann. Dass die Welt sich trotzdem weiter dreht, auch wenn ich immer wieder einmal schlechte Erfahrungen in meinem Leben gemacht habe. Ich durfte auf dem Jakobsweg so viele, tolle und liebenswerte Menschen aus fast allen Nationen dieser Welt kennen lernen. Ich durfte in diesem heiligen Jahr 2010 einer von 272.135 Menschen dieser Erde sein, die am Grab des Apostel Jakobus in Santiago de Compostela angekommen sind.

 

Das Loslassen war wichtig, um auf diesem Weg bei meiner Seele anzukommen. Um sie spüren zu können. Um sie hören zu können. Um sie atmen zu lassen. Loslassen, um entdecken zu können, was das Leben mir in Gnade alles geschenkt hat.

Ich habe eine wunderbare Frau, die mich liebt. Die mich in meiner Sucht, in der tiefsten Krise meines Lebens, bis an den Grenzbereich der Hölle hin begleitet hat. Ich habe eine ganz tolle Tochter, die mir soviel Freunde bereitet. Die mich ihre Liebe und Zuneigung so deutlich spüren lässt. Ich habe Freunde, die mich schon lange auf meinem Weg begleiten. Die darum wissen, wie kompliziert ich doch manchmal bin, und die mich trotzdem lieben. Und ich sie. Und ich bin in Gnaden erlöst, weil Jesus Christus das Gnadenangebot Gottes an uns Menschen ist, und ich es ergriffen habe. Durch seinen Tod am Kreuz hat er mich freigekauft. Mich von all meiner Schuld befreit, damit ich leben kann. „Nun wir denn sind gerecht geworden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus.“ (Römer 5, 1) Und genauso kann ich auch in den Meetings der Anonymen Spieler(GA) hören und sehen, wie es ist, und was es in ihrem Leben bewirkt hat, wenn die Freunde davon berichten, dass sie gewisse Dinge losgelassen haben. Dass sie alte Lasten, die wie Mühlsteine um ihren Hals hingen, abgelegt und hinter sich gelassen haben. Dass sie sich irgendwann auf ihrem Genesungsweg auf etwas Neues eingelassen haben, ohne genau zu wissen, was sie auf ihrer Reise erwarten wird. Und ich habe in meiner Zeit in GA auch gelernt, dass ich den Erfahrungen der Freunde vertrauen kann, die schon eine geraume Zeit auf neuen Wegen unterwegs sind.