Erfahrungsberichte

Ralf P.

Machtlosigkeit, Kapitulation, Glauben und Hoffnung

 

Am 01.10.1994 musste auch ich mir endgültig eingestehen, dass ich dem Spielen und dem Alkohol gegenüber machtlos geworden bin. Ich hatte meine letzte Karte ausgespielt und auch dieses Spiel verloren. Mir wurde bewusst, dass der Einsatz meines letztes Spiels, meine Ehe, mein Kind, meine Familie gewesen ist. Der Suchtkranke weiß, mit welchen Einsätzen wir zum Ende hin spielen. 

 

Kapitulieren war keine einfache Sache. Zumindest nicht für mich. Doch mir wurde bewusst, dass es anders werden musste. Ich hatte nicht nur die Kontrolle über mein Spielen und mein Trinken verloren, sondern auch über mein gesamtes Leben. Mein Leben war für mich nicht mehr zu meistern. Ein Leben, welches mir in allen Bereichen völlig entglitten war. Gefangen und gebunden in der Frucht meiner Schuld und Sünde. Ein Berg voller Schuld türmte sich vor mir auf. Unüberblickbar. Schuld ist etwas, dass mich von Gott trennt. Mich fern von Ihm hält. Der Satan, der Gegenspieler, der Herr dieser gefallenen Welt möchte nicht, dass wir uns erkennen in unserer Schuld. Er gaukelt uns mit all den Reizen unserer menschlichen Errungenschaften ständig vor, dass wir keinen Gott brauchen. Doch Gott lässt uns nicht in Ruhe. Vielleicht kennst auch Du dieses Gefühl der Unruhe, der ständigen Suche, ohne je Erfüllung, ohne je Ruhe zu finden. Egal, wie sehr und mit was wir uns auch immer betäuben. Im Alkoholrausch, im Drogenkick, im Glücksspiel, im Kaufrausch, im Kapital- und Geldwahn, in der Darstellungs- und Prahlsucht, in der Selbstzerfleischung, in der Macht- und Demonstrationssucht, in der Pornografie. Ja, ich bin mir sicher, dass du es kennst. Jeder Mensch kennt es. Die Bibel sagt, dass Gott uns geformt hat. Dass Gott uns seinen Odem, seinen Lebensatem eingehaucht hat(1.Mose 2.7). Deshalb sind wir unwiderruflich ein Teil Gottes. Doch wir tun alles nur Erdenkliche, um ja vor diesem Gott zu fliehen. Warum nur? Weil wir tief in uns wissen, dass wir nicht in Ordnung sind, so wie wir sind. Weil unsere Schuld uns immer wieder selbst überführt. Deshalb finden wir keine Ruhe. Deshalb war ständig diese undefinierbare Sehnsucht in mir, ohne zu wissen, was ich wirklich suchte. Und so stand ich bei meiner Suche auch immer mit leeren Händen da. Dabei wurde mein Berg der Schuld größer und größer. Wie soll ich nur diesen Berg wegschaffen? Ich wusste, es musste alles anders werden. Alles. Aber wie? Ja, wie nur?                                                                                                                                                                                                        

Der erste Schritt der Anonymen Selbsthilfegruppen sagt mir, dass ich aufgeben muss, einen Kampf zu kämpfen, den ich nicht gewinnen kann. Dass ich mir eingestehen muss, dass es etwas in meinem Leben gibt, das ich nicht mehr steuern kann. Niemals mehr in meinem Leben. Wenn ich überleben will, dann muss ich mein Scheitern zugeben. Ich habe keine andere Chance. Ich habe nur diese einzige und alleinige Option, wenn ich leben und nicht sterben will. Alles andere wird mich früher oder später scheitern lassen. Als ich das verstanden hatte, wurde mir auch bewusst, welche Gnade ich in meinem Leben erfahren habe. Die Sucht wurde zu der größten Chance meines Lebens. Durch mein Scheitern öffnete mir Gott einen Weg der langsamen und behutsamen Erkenntnis über mich selbst. Eine unsichtbare Hand streckte sich mir entgegen, und ich musste sie ergreifen, weil ich es aus mir selbst heraus nicht mehr schaffen konnte. Im Aufgeben, im Kapitulieren liegt am Ende der Sieg verborgen. Weißt du, wie es ist, wenn du in der Gosse liegst und dir das dreckige, schmutzige Wasser eines Lebens ohne Gott in den Hals läuft und du daran zu ersaufen drohst? Wenn nur noch ein einziger Schrei über deine Lippen kommt: »Oh Gott, hilf mir doch, wenn es dich wirklich gibt. Lass mich nicht in diesem Dreck verrecken!« Ich bete für dich, dass dich dein Leben niemals an diesen Abgrund führen möge. Doch für mich war nur der Abgrund die einzige Chance, um wirklich zu erkennen, dass ich ein gefallener, ein mit Schuld und Sünde behafteter Mensch in einer gefallenen Welt bin. Das ist meine eigene, ganz persönliche Erkenntnis über mich. Zu sich selbst finden und sich erkennen lernen, muss jedoch jeder für sich selbst.

 

Warum tut sich der Suchtkranke so schwer damit, zuzugeben - wirklich zuzugeben -, dass die Sucht stärker ist? Warum tat ich mich so schwer damit? Warum musste ich erst fast sterben, um zu erkennen, dass ich nicht Spielen und nicht Trinken kann, wie die anderen auch?

Ohne Zweifel nimmt die Sucht irgendwann in ihrem Verlauf eine nicht mehr kontrollierbare Eigendynamik an, was am Ende immer diesen totalen Kontrollverlust auslöst. Ich kann den Konsum nicht mehr steuern. Dem Kontrollverlust folgt Machtlosigkeit und mit ihr die Resignation, die Hoffnungslosigkeit, die innere Leere. Ich habe am Ende schlichtweg keine Kraft mehr, um dem Suchtdruck aus eigener Kraft auch nur noch ansatzweise irgendetwas entgegenzusetzen. Wenn ich einmal an diesem Punkt angekommen bin, dann ist mein gesamtes Leben schon völlig aus den Fugen geraten. Dann ist es schon lange nicht mehr nur der Alkohol, nur das Spielen, was zum Problem geworden ist, sondern auch all die mit der Kontrollunfähigkeit einhergehenden Folgeerscheinungen einer Suchtbiografie, wie: Überschuldung, Krankheit, Arbeitsunfähigkeit, Eheprobleme, Scheidung, Wohnungsverlust und ein emotionaler, sowie geistiger Niedergang. Dieses mitgeführte Treibgut ist das wirkliche Marschgepäck des Süchtigen, dessen Gewicht ihn immer tiefer und tiefer nach unten zieht. Immer tiefer und tiefer dem Höllenschlund entgegen. Die meisten Suchtkranken kehren erst an diesem Punkt, an diesem persönlichen Tiefpunkt in ihrem Leben um. Kurz darauf würde nur noch der Tod auf sie warten.

 

»Ja«, sagst du dir jetzt vielleicht, »so charakterschwache Menschen gibt es nun mal.«

Ja, da hast du einmal gar nicht so unrecht. Sucht hat wirklich etwas mit unserem Charakter zu tun. Wenn ich mein Charakterbild anschaue, dann muss ich dir Recht geben. Doch wenn ich ehrlich bin, dann muss ich auch zugeben, dass unsere ganze Gesellschaft charakterlich erkrankt ist. Dass wir alle süchtig sind. Schauen wir doch ehrlich in unser Leben hinein. Sind wir nicht alle in irgendeiner Form süchtig, sei es nun geltungssüchtig, herrschsüchtig, machtsüchtig, ruhm-, prahl- und darstellungssüchtig? Sind wir nicht alle getrieben von Stolz, von Eitelkeit, von fehlender Anerkennung, von Rechthaberei, von Besserwisserei?

Die große Gnade des Süchtigen ist es, dass er gar keine andere Wahl mehr hat, als sich in seinem Selbstbetrug endlich zu erkennen und Veränderung zu schaffen, wenn er leben und nicht sterben will. Vielleicht ist dies ein entscheidender Vorteil den Menschen gegenüber, die nicht an die Grenzen des Lebens geführt wurden. Christus sagt uns in Lukas 5.32:  »Ich bin gekommen zu rufen die Sünder zur Buße, und nicht die Gerechten.«

 

Ich habe erkannt, dass mein Leben nicht in Ordnung ist. Als ich bereit war, mich einmal wirklich im Spiegel der Ehrlichkeit zu betrachten, habe ich erkannt, dass mein Leben nicht so ist, wie es sein sollte. Ich muss unter das Kreuz Jesu Christi und Buße tun. Ich bin nicht gerecht. Nicht einen Funken eines Gerechten habe ich an mir. Ich bin ein Sünder. Ein Verlorener. Ein Kranker im Geiste. Nein, ich bin nicht so, wie ich in Gottes Augen sein sollte. So stehen wir alle in unserem Leben da, ob wir es wahrhaben wollen, oder nicht. Beladen mit unseren kleinen und großen Sünden. Wie Glieder einer Kette sind sie um unseren Hals geschmiedet und ziehen uns immer weiter nach unten. Immer tiefer und tiefer zieht uns der Gegenspieler Gottes an unserer Schuldkette zu sich in seinen Höllenschlund hinab. Immer weiter entfernen wir uns von Gott. Da sagen sich bestimmt viele: »Aber ich glaube doch auch an Gott. Ich glaube doch auch, dass es einen Gott gibt.« Doch das nützt mir nichts. Der Teufel glaubt auch an Gott. Der weiß ganz genau, dass es Gott gibt. Der weiß es sogar sicher. Wenn wir einfach so pauschal daher sagen, wir glauben doch auch an Gott, dann glauben wir genau so viel wie der Teufel. Die entscheidende Frage ist, ob ich durch das Kreuz Christi hindurchgegangen bin. Ob ich mich in meiner Schuld erkannt habe und sie bei Ihm am Kreuz abgelegt habe. Dass ich IHN wirklich als das sehe, als was er in diese Welt gekommen ist: »Als das Opferlamm Gottes.« Hingegeben zu unserer Errettung. Weil der Mensch sich selbst nicht erretten kann.

 

Des andern Tages sieht Johannes Jesus zu ihm kommen und spricht: »Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt«(Joh. 1.29).

Wenn ich meine ganze Schuld und Sünde also nicht ganz bewusst bei ihm am Kreuz ablege, dann werde ich mein ganzes Leben keinen Frieden finden. ER ist der Einzige, der mich aus meiner menschlichen Schwachheit erlösen kann. Ich komme an Ihm nicht vorbei, wenn mein sehnsüchtiges, nach Ruhe schreiendes Herz endlich zum Frieden in meinem Leben kommen soll. Ohne Christus werde ich ewig, wie ein Getriebener, durchs dieses Leben hetzen. Unruhig, ohne Frieden, ohne Freisein. Sehnsüchtig unterwegs auf der ewigen Suche nach menschlicher Anerkennung, nach Liebe, nach Geborgenheit, nach Zufriedenheit. Und ich werde nichts davon wirklich finden, weil die Welt mir keinen Frieden geben kann. Nur in Christus werde ich zur Ruhe und zum Frieden kommen. Er hat uns zugesagt: »Was ich euch hinterlasse, ist mein Frieden. Ich gebe euch einen Frieden, wie die Welt ihn nicht geben kann. Lasst euch nicht in Verwirrung bringen, habt keine Angst«(Joh. 14.27).

 

Die Menschen tun seit ewigen Zeiten alles nur Erdenkliche, um vor Gott zu fliehen. Da sagen wir, dass wir an Gott glauben, aber in Wahrheit wollen wir doch nichts von Ihm wissen. Wir wollen sie doch nicht hören, die Heilsbotschaft vom Kreuz auf Golgatha. Wie ER da hängt, der Sohn des lebendigen Gottes, geschunden und gegeißelt zwischen zwei Schwerverbrechern. Wie ER da hängt, mit unserer Schuld, mit meiner Schuld. Ja, mit meiner und auch mit deiner Schuld. Da hängt ER, blutüberströmt mit der Dornenkrone und trägt die Schuld der ganzen Welt, weil wir ohne sein Opfer für uns nicht vor Gottes Gericht bestehen können. Das ist unsere Antwort auf Gott. Damals und auch heute. Der, der die Wahrheit ist, den haben wir ans Kreuz geschlagen. Aber jedem dahergelaufenem Scharlatan und Selbstdarsteller glauben wir mehr, als dem lebendigen Gott. Die Geschichte sollte uns eigentlich eine Lehre sein. Allen sind wir doch hinterhergerannt, allen haben wir doch ihre Heilsbotschaft geglaubt. Hurra, Hurra! Und immer hinterher dem goldenen Kalb. Dem Napoleon, dem Lenin, dem Kaiser Wilhelm, dem Adolf Hitler, dem Stalin, dem Mao und wie sie noch alle hießen. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Heute rennen wir den Finanz- und Wirtschaftsbossen hinterher. Getrieben von der Hoffnung auf den schnellen Reichtum, auf das schnelle Geld, auf das schnelle Glück. Alles immer nur schnell. Alles immer am Limit. Nur nicht nachdenken. Nur nicht zur Ruhe kommen. Und alle haben wieder die uns rettende Botschaft, die die Welt jedoch schnurgerade und ohne Pause in den Abgrund zieht. Aber wir glauben ja lieber irgendeinem findigen Finanzhai, Manager oder Politiker, als dem lebendigen Gott selbst. Das sind Tatsachen, ob ich sie nun hören will, oder nicht. Das sind unumstößliche Fakten.

Wie oft bin ich auf diese Scharlatane hereingefallen? Wie oft habe ich den Worten irgendwelcher Proleten geglaubt? Ich weiß es nicht. Sehr, sehr oft. Doch dies alles hat am Ende zu meiner Rettung geführt. Zu meiner Umkehr. Mich bekehren zu Christus, heißt umkehren. Umkehren hin zur wahren, zur lebensrettenden Botschaft. Umkehren und mich dem Kreuz zuwenden. Dem Zentrum.  Dem wahrhaftigen Zentrum dieser Welt.

 

Wenn du jetzt denkst: »Was für ein selbstgerechter Spinner!«, dann darfst du das ruhig tun. Auch ich selbst habe über Jahre genauso gedacht, weil ich nur die Menschen die mir Gottes Botschaft übermittelt haben, in ihren eigenen sichtbaren Unzulänglichkeiten und Fehlern beurteilt habe, und nicht die übermittelte Wahrheit selbst, die in Gottes Wort unumstößlich begründet liegt. Aber so bin ich nun mal als Mensch. Ich sehe immer nur die Fehler, Schwächen und Nöte des anderen und erkenne nicht, dass ich selbst ein Gefangener meiner menschlichen Mängel und Schwierigkeiten bin. Ich selbst bin nicht mehr als jeder andere auch: Ein gefallener Sünder unter Gottes Augen. Ein mit Schuld beladener Mensch, der täglich auf die Gnade Gottes angewiesen ist. Getrieben von unreinen Gedanken, egozentrischer Überheblichkeit und krankmachender Selbstgerechtigkeit. Gefangen in einer Welt, in der ich erkennen muss, dass ich mein Leben ohne Gottes Führung nicht mehr meistern kann.

 

Ich habe erkannt, dass ich nicht nur dem Spielen gegenüber machtlos geworden bin, sondern auch, dass ich mein Leben ohne Christus wohl nicht werde meistern können. Dass ich verloren bin, wenn ich Christus nicht als meinen Herrn und Retter in mein Leben hineinlasse. Verloren im wirklichen Sinne, welchen dieses Wort wiederspiegelt. - Auf ewig verloren. 

 

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