Lebensberichte

Martin

... und wenn die Zeit da ist, dann können Wunder geschehen

 

 

Ich will euch heute von einem Wunder erzählen, das damals in der Freiburger Gruppe der Anonymen Spieler(GA) begann. Zu diesem Zeitpunkt(1996) war ich (Pflegemutter, Heimkind) bereits insgesamt 3x (zusammengerechnet rund 9 Jahre) in Haft gewesen.

 

Der ewige, scheinbar unausweichliche Kreislauf: Spielen, Straftaten, Haft.

 

So wirklich Hoffnung, dass sich das jemals ändern würde, hatte ich wohl nicht mehr. Zumal ich sogar in der stationären Therapie einmal gespielt habe.

 

Da erfuhr ich in einem Meeting, es war Mitte 1997, von der Möglichkeit, Gott um Hilfe zu bitten. Ich weiß heute noch, wie ich nach dem Meeting nach Hause lief und darüber nachdachte. Ich glaubte bei mir Hopfen und Malz verloren ..., aber was, wenn es doch funktionierte? Ich bekam echt Gänsehaut. Noch am selben Abend habe ich es umgesetzt und vor dem Schlafengehen "nach oben" telefoniert. Ich hatte keine Übung darin, aber war lückenlos ehrlich und aufrichtig wie noch nie.

Am kommenden Morgen, beim Zähneputzen, sah ich in den Spiegel und fing an zu lachen. Zeigte mir selbst den Vogel. Ich hatte keinen Heiligenschein, die Schulden und Probleme waren alle noch da. Der Spieldruck auch. Ich hatte es ja gleich gewusst!

 

Kurz danach bat mich ein vermeintlicher Freund um Hilfe bei einer kriminellen Sache. Nur noch einmal, dann sei Schluss, sagte er. Auf dem Weg zu diesem Treffen rief mich zum allerersten Mal überhaupt ein GA-Freund an und wollte (glaube ich) einen Kaffee mit mir trinken gehen. - Rückblickend glaube ich, dass dies die erste Hilfestellung war. - Ich habe abgelehnt. Noch an diesem Abend wurde ich wieder einmal verhaftet und alsbald zu 3,5 Jahren verurteilt. 

 

Nun begann jedoch eine Geschichte, die mich bis heute berührt. Immer wieder erfuhr ich Hilfe, Freundschaft und Unterstützung in einer doch menschenfeindlichen Umgebung, dem Knast. Das hatte es in den 9 Jahren Haft zuvor nie gegeben. So etwas, in dieser Häufung, ist einfach unmöglich Zufall. Und irgendwann machte es bei mir "klick". Mein "Anruf" damals, ist wohl doch angekommen. Aber nicht diese Tatsache warf mich um, sondern, dass ausgerechnet mir geholfen wurde. Ich hatte doch so viel Schaden angerichtet.

 

Ab diesem Zeitpunkt wandte ich mich häufiger an Gott. Meist dann, wenn ich Orientierungsloser nicht wusste, welche Richtung ich bei wichtigen Entscheidungen einschlagen sollte. Zuverlässig erfolgten  "Wegweiser", die mich stetig aus dem Sumpf heraus führten. 

 

Mittlerweile lebe ich seit 2001 in Berlin. Habe in den ersten Jahren die GA, aber auch andere Spieler-Selbsthilfegruppen besucht. Aus gesundheitlichen Gründen bin ich in meinem erlernten Beruf Koch seit 2008 berufsunfähig. Hier suche ich noch nach einer sinnvollen Tätigkeit, die mich ernährt. Diese immer wieder kehrenden Maßnahmen des Jobcenters sind einfach keine Perspektive.

 

Seit dem Jahr 2000 bin ich nun abstinent vom Glücksspiel und seit 4 Jahren auch schuldenfrei. Das ist letztendlich das, was wirklich zählt.

 

Und alles begann 1997 nach einem Meeting der Anonymen Spieler(GA) in Freiburg mit einem einfachen Gebet an einen für mich damals nicht greifbaren Gott, der jedoch bereit war, auch mich durch meine ganz persönliche Lebenskrise hindurch zu begleiten, weil ich es ehrlich mit ihm probiert habe.

 

So hat jeder seine Zeit. Und jeder bekommt seine Chance.

 

... und wenn die Zeit da ist, dann können Wunder geschehen.  

 

Martin

Gute 24 Stunden

 

zurück
zurück
Startseite
Startseite